Für mich sind die Märchen erst wirklich lebendig, wenn sie erzählt werden. Hier bekommen sie ihre Farbe, ihr Leben:
Die Farbe der Zeit,
die Farbe der Menschen, der Tiere, der Pflanzen,
die Farbe der Landschaft,
die Farbe des Erzählers und der Zuhörer
Als Kind habe ich das Märchen vom Gevatter Tod gehört. Meine Großmutter erzählte es, und ich erinnere mich noch an meine Gefühle, als sie mir von der Höhle des Todes erzählte, darin die vielen Lebenslichter flackerten. Dieses Bild ging tief in mein Gefühl. Heute erlebe ich, wie tief diese Bilder in mir geworden und gewachsen sind.
Märchen sind Bilderwelt , gewoben aus archaischen Imaginationen. Darum überleben die Märchen jede Deutung. Daran sterben sie nicht. Sie beginnen zu sterben, wenn sie nicht mehr erzählt werden.
Märchen sind aus vielen Welten geboren -
In dir und in mir geboren.
Und sie erzählen uns von dieser Welt,
erzählen von dir und mir.
Erzählen von dem, was du und ich ohnehin ohne Worte gewusst haben,
es aber nie werden lassen konnten, weil uns die Bilder fehlten.
Märchen geben uns dafür ihr Wort- und Bilderkleid.
Sie erzählen uns von uns einst, und von uns jetzt.
Märchen kleiden uns in unsere eigene Gestalt,
die gleichzeitig viele Gesichter haben kann.
Soweit reicht die Sprache des Märchens,
so weit findet das Märchen für dich die Worte.
„ ... oder abends, wenn die Kinder im Bett liegen und noch einmal ein ganz starkes Erlebnis wollen und das einfach verlangen, um gehörig träumen zu können, um in irgendwas noch ein wenig was zu spinnen zu haben. Oft ist das dann das Fernsehn, willkürlich aufgeschaltet, nur so aufgeschlappert, wie ein laue oder saure Milch aus zweiter Hand. Aber manchmal ist es eine Geschichte, die erzählt die Mutter oder der Vater. Es gibt fast in jeder Familie einen Geschichtenerzähler - und da kommt dann das Erlebnis von innen, bei dem die Phantasie mithilft wirklich abzufahren aus dem Zimmer irgendwo anders hin. Und diese Phantasie ermöglicht den Kinder auch zu beten. Schamlos zu bitten, zu handeln, zu fordern,aber auch eine Art Gebet, die kein Erwachsener sich mehr zugesteht, richtiger sich mehr abverlangt. Die Art Gebet, die zu Gott hin will, nicht etwas von ihm holen.“
(Axel Corti)
 |